*untitled calls*

Melina Hagenah

Du bist so schön, dich könnte man glatt vergewaltigen. Halt doch mal an, Süße! Wie viel? Ey, geile Titten! Du fehlst mir noch in meinem Harem. Die würd´ ich auch nehmen. Was geht für ´n 10er? Wieviel kostet ein Lächeln? Geiler Arsch! Ey, bleib mal stehen, ich rede mit dir! Darf man nicht mal Hallo sagen?!

Solche oder ähnliche Aussagen sind vielen Menschen in ihrem Alltag leider allzu bekannt. Unter dem Begriff Catcalling wird aktuell vor allem durch die sozialen Medien auf verbale sexuelle Belästigung aufmerksam gemacht. Dazu zählen neben Ausrufen auch beispielsweise das Hinterherpfeifen oder Hupen mit dem Auto. Meist findet Catcalling im öffentlichen Raum statt, weshalb es teils starke Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen hat. Besonders Mädchen werden schon früh dahingehend sozialisiert, dass sie im öffentlichen Raum jeder Zeit mit Belästigungen rechnen müssen, weshalb sie oft Strategien entwickeln, die vermeidend oder deeskalierend wirken sollen (vgl. Hofer, 2018). Kommentare werden ignoriert, Straßen oder Plätze gemieden. Dass Catcalling in Deutschland – im Gegensatz zu andere EU-Ländern – immer noch keine Straftat ist, zeigt, dass es von der Gesellschaft leider nach wie vor als „normal“ angesehen wird.

In der audiovisuellen Arbeit *untitled calls* wird die Perspektive der Betroffenen eingenommen, um die Empfindungen erfahrbar zu machen…

Herzklopfen. Schnellere Atmung. Ok, jetzt bloß kein Blickkontakt! Lieber auf den Boden gucken. Oder auf´s Handy? Vielleicht so tun, als würde ich telefonieren? Keine Ahnung. Straßenseite wechseln? Nein, zu auffällig. Alle sagen: Stell´ dich nicht so an! Unsicherheit. Vielleicht geh´ ich einfach schneller. Oder langsamer? Ich will hier weg. Scheiße, warum bin ich auch hier lang gegangen? Riesen Fehler! Gucken sie? Ich guck‘ nicht! Schön unauffällig bleiben. Übelkeit. Angst. Scharm.

… Die Gefühle der Betroffenen vor, während und nach einer Catcalling-Situation sind Gegenstand der 4:00-minütigen Videoarbeit. Die Konzeption wurde dabei in Anlehnung an das Werk der Künstlerin Terra Lopez entwickelt, welche mit Hilfe der Soundinstallation „This Is What It Feels Like“ eine Catcalling-Audioerfahrung (ins besondere für Männer) schaffen wollte. Um die Gefühle erfahrbar zu machen, wird in dem Werk *untitled calls* mit der Kamera die Perspektive der Betroffenen eingenommen. Die Aufnahmen sind alle an Orten im öffentlichen Raum entstanden, an welchen Catcalling nach Erfahrungsberichten stattfindet – an Bushaltestellen, engen Gassen, in U-Bahnunterführungen, aber auch auf offener Straße und belebten Plätzen. Einzelne Motive tauchen dabei als immer wiederkehrendes Element auf. Die vermeidende Strategie des „auf-den-Boden-Sehens“wird durch die Kameraführung nachgeahmt. Die veränderte und teils gestörte Wahrnehmung wird durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und farblichen Bearbeitungen verdeutlicht. Die Schwarzblenden unterstützen dies und bilden gleichzeitig Leerstellen in der Handlung, welche für die Rezipient:innen Raum zur Interpretation lassen. Die Anspannung wird auch auditiv in Form von unterschiedlich lauten Stör- und Alltagsgeräuschen aufgegriffen, welche in mehreren Spuren übereinander liegen und teilweise verzerrt sind. Hierzu wurden u.a. Straßenlärm, Bahndurchsagen und Autohupen aufgenommen. Die 1:00-minütige Schwarzblende mit Rauschen am Ende des Werkes bietet den Rezipient:innen einen Moment der Reflexion und die Möglichkeit, sich auf seine bzw. ihre eigenen Gefühle zu fokussieren. Das Rauschen bleibt auch nach Ende des Videos wahrnehmbar, wodurch die Erfahrung über das Werk *untitled calls* hinaus gehen kann und die Anspannung bleibt.