Fließende Hemmschwellen

Marie Kubisch

Der Pinsel trifft auf ein leeres Blatt. Es wird gemalt. Und gesprochen. Worte finden Farben, finden Halt auf dem Hintergrund. Ein Bild entsteht. Ein Gedanke entsteht. Er ist flüchtig. Es bleibt keine Zeit. Er wird geteilt, gesprochen. Laut. Danach die Suche. Nach einem weiteren Gedanken. Doch die Quelle, aus der er entspringt, droht zu versiegen. Was denke ich? Was kann ich sagen? Noch tiefer graben. Ist noch genug da, um die Zeit zu füllen? Es entsteht Unwohlsein. Eine Hemmschwelle im Kopf. War es richtig, das zu sagen? Was sie wohl denken werden. Ich übertrete die Schwelle. Ich treffe auf mich selbst. Hemmung. Sie fließt durch mich. Überwindung. Bloß weiter reden. Nicht bewerten. In mir ein Meer aus Zweifel. Hemmschwellen. In Wellen. Sie packen mich. Und nehmen mich mit.

Ausgangspunkt der Performance – Fließende Hemmschwellen – ist das Verlassen der eigenen Komfortzone durch gleichzeitiges Malen und Sprechen. Der mit Kamera aufgenommene Prozess auf Papier zeigt, wie sich der Malakt und das Gesprochene gegenseitig beeinflussen, sich unterbrechen oder vorantreiben. Beide folgen keinem im Voraus gewählten Thema, wodurch es immer wieder zu Ausschweifungen in die Gedankenwelt der Künstlerin kommt. Ungewöhnlich ist hier das spontane Selbstgespräch über einen Zeitraum von 1 1/2 Stunden. Solche finden zumeist in den Köpfen der Menschen statt. Es kann ungewohnt sein, sich selbst sprechen zu hören. Vor allem, wenn ein Gegenüber fehlt, welches irgendeine Form der Resonanz geben kann. Hinzu kommt, dass die Situation durch eine Kamera aufgenommen wird. Zwar ist keine betrachtende Person direkt anwesend, sie wird aber während des Prozesses mit einbezogen. Wolfgang Kemp spricht hier von einem sogenannten „impliziten Betrachter“, welcher während der Entstehung des Werks mitgedacht wird. Der Gedanke an die Bewertung durch diesen kann zu Hemmungen führen, welche das Fortlaufen der Performance erschwert. Der Mal- und Sprechakt wird somit immer wieder auf die Probe gestellt.

Die Performance bietet die Chance, sich selbst herauszufordern. Das pausenlose Sprechen bringt zum Vorschein, wo die eigenen Hemmschwellen liegen und hinterfragt, ob die damit einhergehenden Wertungen wohl aus dem Außen oder dem Innen kommen. Denn letzten Endes bleibt es ein Prozess mit sich selbst, welcher sich sprachlich und malerisch ausdrückt und die darin verborgenen Hemmungen aufdeckt. Der Reiz liegt somit in der Erforschung der eigenen Grenzen und sozialen Hürden.

Bildergebnis aus dem Malprozess: Acryl auf Aquarellpapier, in den Maßen 30×40 cm.