d r e i z e h n p r o z e n t

Joann Ilona Borowski

Der war schon immer sehr aufdringlich.“

Plötzlich, beim Tanzen, hatte ich eine Hand im Schritt.“

Auf einmal spüre ich einen unglaublichen Schmerz, wie ich ihn noch nie in meinem Leben zuvor gespürt habe.“

Ich konnte nicht mehr, weil ich einfach wund war und es weh tat, und dann habe ich gesagt, dass ich jetzt gerne aufhören würde. Dann hat er gesagt: ‚Nein, ich komme gleich. Du musst nur noch ein bisschen warten‘ und hat nicht aufgehört.“

Pfeifen auf der Straße. Berührungen im Club. Persönliche Grenzen. Überschreitungen.
Erleben. Plötzlich. Ungewollt.
Überall. Ständig. Verborgen.
Dunkelfeldstudien. Jede FLINTA-Person. Jede dritte FLINTA-Person. Einmal in ihrem Leben. Zwölf Millionen Personen innerhalb Deutschlands.
Stille. Wenig Austausch. Kaum äußere Unterstützung.

Gewalt gegen Frauen geht uns alle an, sie kommt in allen sozialen Schichten und Altersgruppen vor. Die neuen Zahlen des BKA sind nach wie vor schockierend. Sie zeigen, dass wir alle in unserem direkten Umfeld Frauen kennen, die betroffen sind: Es kann die Freundin sein, die Kollegin, die Nachbarin oder die eigene Schwester. Wir alle können etwas dagegen unternehmen. […]“ – Dr. Franziska Giffey, 2019

Bei dem vorliegenden BA-Werk handelt es sich um eine Audio- sowie Videoinstallation mit einer Länge von 13:30 Minuten. Das Werk ist ausschließlich mit Kopfhörern vollumfänglich erlebbar. Grundlage des BA-Werks bilden reale Geschichten betroffener Personen, welche zu Beginn der Konzeption zusammengetragen wurden. Sie werden durch die Transformation in das Werk zu Repräsentant:innen der Realität. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Betroffenen, die den Mut sowie die Kraft hatten, ihre Geschichte zu teilen.

Durch die Verbindung der parallel verlaufenden Eindrücke von Bild und Ton wird die Potentialität gesteigert. Die gesprochenen Worte sind entzerrt, geschnitten und vermischt, sodass zunächst nicht erkennbar wird, um welches Thema es sich handelt – kombiniert werden diese Geschichten mit verwirrenden und desorientierenden Soundeffekten, welche bei den Rezipient:innen emotionale sowie körperliche Reaktionen hervorrufen sollen und final das Thema des Werkes zu erkennen geben. Das Herauszögern sowie die plötzliche Deutlichkeit des Themas und die Härte der zu hörenden Worte spielen auf die Unvorhersehbarkeit der sexuellen Übergriffe an. Die im Hintergrund verlaufenden Metronome schlagen zwischen Aufregung und Ruhepuls. Die Schnitte sowie die Soundeffekte erzeugen Momente der Unbestimmtheit, welche die Rezipient:innen dazu anregen sollen, das Gehörte mit dem eigenen Erleben oder Erlebten zu verknüpfen. Das Werk erzeugt durch Momente der Dunkelheit Spiegelungen der Rezipient:innen auf dem Bildschirm des Endgeräts, welche eine wiederkehrende Konfrontation mit dem Selbst unterstützen soll.

Das Werk soll vor allem die Sichtbarkeit der Betroffenen verdeutlichen und die Aufmerksamkeit innerhalb der Gesellschaft auf das (vermeintliche) Tabuthema lenken. Dennoch soll das Werk nicht ausschließlich schockieren – es deutet auf die Verarbeitung traumatisierender Erlebnisse hin. Der Wechsel des Sounds von rechts nach links und zurück verweist auf die sogenannte EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Die Nachverarbeitung belastender Erinnerungen unter der Nutzung bilateraler Stimulation ist ein zentrales Element der EMDR-Behandlung. Durch diese Stimulation wird das Gehirn unterstützt, eigene Selbstheilungskräfte zu aktivieren und somit belastende Erinnerungen zu verarbeiten.

Das Werk versucht bewusst Ambivalenzen innerhalb der Rezipient:innen hervorzurufen. Bei dem gewählten Thema des BA-Werkes handelt es sich um ein politisch motiviertes Thema – gerade die Unterbringung solcher Themen innerhalb der Kunst kann zur Polarisierung führen. Als Künstler:innenbezug wird deshalb das Zentrum für Politische Schönheit herangezogen. Auch andere Künstler:innen haben eine Bandbreite des hier behandelten Themas künstlerisch umgesetzt. Darunter unter anderem Tracey Emin (‚my bed‘), die Studentin Emma Krenzer (‚Touches‘) und Artemisia Gentileschi (‚Judith und Holofernes‘).