Critical Introspection

Helen Skerka

Die Corona-Pandemie – plötzlicher Stillstand. Monotoner Alltag. Unsicherheit. Vom Gefühl der generellen Unzufriedenheit getrieben, verschlungen von einer Spirale der ständigen Selbstbeobachtung und -beurteilung; Fragen; ständig; nicht mehr kontrollierbar. Wer bin ich? Was möchte ich? Wieso tue ich das, was ich tue? Welchen Sinn hat das? Selbstreflexion. Ein Hinterfragen des Verhaltens – des eigenen Selbst. Es findet sich kein Ausweg; nichts zum Festhalten, um sich dem Sog der Spirale zu entziehen. Wer bin ich? Was möchte ich? Wieso tue ich das, was ich tue? Welchen Sinn hat das?

Es ist ein Zustand der Selbstkritik. Ständig ein weiteres Augenpaar, das – von einer Metaebene des Bewusstseins aus – die alltäglichen Handlungen des Selbst beobachtet, hinterfragt und teilweise die durch den Stillstand hervorgerufene Unsicherheit verurteilt. Es ist schlecht, nicht zu wissen, wer du bist! Es ist schlecht, nicht zu wissen, was genau du willst! Es ist schlecht, nicht das zu tun, was von dir erwartet wird!

Mit der Fotoserie wird der Zustand des Selbst, gefangen in ständiger kritischer Selbstreflexion, visualisiert. Im Badezimmer; dunkel, lediglich kühles, diffuses Licht. Rauschendes Bild. In Anlehnung an das Werk „Stasis“ (2008) des schwedischen Fotografen Stefan Bladh und Fotografien des US-amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson, insbesondere an seine Fotoserie „Beneath the roses“ (2003-2007), entsteht durch die gedeckten dunklen Farben, die Lichtregie und den Rausch-Effekt eine beklemmende, gar ungeheuerliche Atmosphäre. Darin drei menschliche Erscheinungen: Eine Person vor dem Spiegel, ein Spiegelbild, eine dritte Erscheinung. Transparent, auf der Metaebene des Bewusstseins, ausdruckslos beobachtend. Beim alltäglichen Haare kämmen, Zähneputzen, Haare föhnen, Hände waschen und Schminken. Es ist eine sich langsam aufbauende Spannung mit surrealistischem Moment: Die transparente Erscheinung des Selbst wird präsenter, nimmt mehr Raum ein – bis sie sich schließlich mit dem Spiegelbild deckt; sich regelrecht davor drängt, die Metaebene durchbricht und die unvoreingenommene, ungestörte Wahrnehmung des Realen, des eigenen Spiegelbilds, verwehrt. Wie ein Schleier der Selbstreflexion, der Selbstkritik, der auf der Wahrnehmung des eigenen Handelns liegt und sich mehr und mehr verdichtet.

Die Fotoserie „Critical Introspection“ zeigt eine Auseinandersetzung mit sich selbst, den selbstreflexiven Denkprozessen, die in eine Selbstbeurteilung, sogar in eine Selbstverurteilung münden. Ein Zustand, der mehr und mehr Raum einnimmt. Eine Endlosspirale, der nicht mehr zu entkommen ist?